Mit seiner Neuentwicklung hat das Magdeburger Start-up-Unternehmen glyXera einen der drei Innovationspreise der Bioregionen Deutschlands errungen. Unternehmensgründer Erdmann Rapp erläutert, worum es geht: “Unser Verfahren ermöglicht eine Hochleistungs-Analyse von komplexen Zuckerstrukturen.” Und zwar in einer bislang ungekannten Tiefe und Schnelligkeit.

“Komplexe Zuckerstrukturen sind für die Zellen von Säugetieren und damit auch für die des Menschen von größter Bedeutung”, sagt der promovierte Chemiker. Die Zuckerstrukturen funktionieren dabei als Feinstrukturen, mit denen die Zellen die Proteine modifizieren. Maßgeblich spielt dieser Prozess auch beim Schlüssel-Schloss-Prinzip der Zellen eine entscheidende Rolle für die charakteristischen Merkmale der Zelloberfläche.

Zuckerstrukturen sind für die Zellen von größter Bedeutung.”

Dr. Erdmann Rapp, wissenschaftlicher Leiter von glyXera in Magdeburg

Praktische Bedeutung hat das Wissen über die Beschaffenheit der Zuckerstrukturen damit insbesondere für die Pharma-, aber auch für die Lebensmittelindustrie. Erdmann Rapp sagt: “Bei der Entwicklung von Medizin beispielsweise gegen Krebs oder Autoimmunerkrankungen wie Rheuma und Diabetes ist es besonders nützlich, die Strukturen genau zu kennen und beeinflussen zu können.”

Die Erkenntnisse können unter anderem dabei helfen, Krebs in sehr frühen Stadien zu erkennen und gezielt zu behandeln. Das Magdeburger Unternehmen agiert daher bereits als Dienstleister für große Pharmaunternehmen, kann angesichts seiner neuartigen Analysemethode aber auch in Großversuchen der klinischen Forschung bei der Auswertung der Daten einen wichtigen Beitrag leisten.

In der Lebensmittelindustrie sind die Erkenntnisse zu den komplexen Zuckerstrukturen von Bedeutung, wenn es um die Entwicklung von Produkten mit neuen Eigenschaften geht. “Eine Anwendung ist beispielsweise die Entwicklung von Babynahrung”, erklärt Erdmann Rapp.

So können dank der Magdeburger Hochleistungs-Analyse jetzt Produkte auf den Markt gebracht werden, die die Besiedlung der kindlichen Darmflora mit bestimmten Bakterien fördern. Ziel einer solchen Ernährung ist es, dass der Nachwuchs weniger unter Blähungen leidet als bisher. Wie in der Medizin hat glyXera bereits namhafte Partner in der Lebensmittelindustrie gefunden. “Mit der Entscheidung, den Innovationspreis 2012 an die glyXera zu vergeben, hat die Jury eine hervorragende Wahl getroffen. Ich bin mir sicher, dass das Unternehmen die mit der Preisverleihung verbundenen hohen Erwartungen rechtfertigen wird”, stellt Michael Täger, Geschäftsführer der BIO Mitteldeutschland – einem Zusammenschluss von Firmen und Institutionen, die im Bereich der Biotechnologie aktiv sind – fest. Angesichts der Umbruchphase, in welcher sich die Branche in Sachsen-Anhalt derzeit befindet, seien solche Auszeichnungen besonders wichtig.

“Solche  Auszeichnungen  motivieren  und  spornen  zum  Durchhalten  an.”

Michael Täger, Geschäftsführer der BIO Mitteldeutschland GmbH

Täger wertet sie als Möglichkeit, die Akteure “zu motivieren und zum Durchhalten anzuspornen”. In diesem Zusammenhang lobt Täger auch verstärkte Aktivitäten der Investitionsbank Sachsen-Anhalt in “wissensintensiven und hochwertschöpfenden Bereichen”.

Das Unternehmen glyXera ist eine Ausgründung aus dem Magdeburger Max-Planck-Institut. Es besteht seit Dezember vergangenen Jahres und ist seit Ende März im operativen Geschäft aktiv. Rapp, der inzwischen als wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens fungiert, ist zudem weiter am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme Magdeburg als Teamleiter für Bio/Prozessanalytik in der Fachgruppe Bioprozesstechnik tätig. In seinem neuen Unternehmen arbeiten neben ihm selbst drei weitere Mitarbeiter.

Weitere Preisträger des diesjährigen Innovationspreises der Bioregionen sind übrigens der Münsteraner Forscher Jared Lynn Sterneckert vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, der mit einer Stammzellentechnologie überzeugen konnte, und Ulrich Schraermeyer von der Tübinger Augenklinik. Er forscht an neuen Wirkstoffen gegen degenerative Krankheiten, zu denen die altersbedingte Degeneration der Makula gehört.

Quelle: Volksstimme, Freitag, 11. Mai 2012